Die Einlieger

Trotz der recht geringen Bautätigkeit zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl Retzens bis 1835 auf 550.
Einlieger oder Heuerlinge waren Landarbeiterfamilien, die selbst kein Land besaßen und in Gebäuden der Bauern wohnten, für die sie arbeiteten. Zwar hat es natürlich auch schon vorher Knechte und Mägde gegeben, die vielleicht auch selten einmal eine Familie gründeten, aber im achtzehnten Jahrhundert stieg die Zahl der Einlieger sprunghaft an, nun gab es dreißig Familien.

Das Leben war für die Einlieger schwer:
Die unteren Schichten des Volkes hatten am meisten unter den Folgen des - in Lippe besonders in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ausgeprägten - Absolutismus zu leiden: Militär- und Repräsentationsausgaben verschlangen ungeheuere Summen. Immer neue Steuerquellen mussten erschlossen werden, um die Landeskasse vor dem Ruin zu retten. Entsprechend der Zunahme der Bevölkerung nach dem Dreißigjährigen Krieg fanden immer weniger Einliegerfamilien ausreichend Beschäftigung in der Landwirtschaft. Sie mussten ihren Lebensunterhalt durch andere Tätigkeiten bestreiten.

In allen Familien wurde unermüdlich für einen kargen Lohn Garn gesponnen. Spinnräder waren noch zu erstehen, aber die Anschaffung eines Webstuhls war den meisten nicht möglich. So erhielten die Tagelöhner für ihre Gelegenheitsarbeit auf den Höfen als Entgelt den aufbereiteten Flachs und spannen für die Ankäufer der Weber in den Städten und Marktorten oder für die einheimischen Bauern, die alle einen Webstuhl hatten. Solange die Flachsernte gut ausfiel, konnte man sich notdürftig ernähren, aber wehe, eine Missernte trat ein! Die größeren Kinder mussten auf den Höfen Stellungen als Haushilfe bzw. Futter-, Stall-, Pferde- oder Hütejunge annehmen, um die Familie zu entlasten. Einige Einlieger zogen auch schon in den Sommermonaten als Wanderarbeiter zum Torfstechen und Mähen der Wiesen nach Friesland und Holland. Als nach der Einführung der mechanischen Spinn- und Webmaschinen in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Spinnen und Weben nichts mehr zu verdienen war, wurden viele Einlieger Ziegler und zogen als Wanderarbeiter vom Frühling bis zum Herbst in die Fremde „auf Ziegelei". Kehrten sie im Oktober zurück, betätigten sie sich als Drescher auf den Höfen, als Hausschlachter, Korbflechter, Holzschuhmacher oder Waldarbeiter. Daß die Auswandererwelle nach Amerika, die verstärkt nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 einsetzte, auch unsere Gegend erfaßte, braucht nach alledem nicht zu verwundern. Von 1848 bis 1855 verließen 61 Bewohner Retzen: Drei kinderreiche Familien mit allein 23 Personen, sieben Einliegerehepaare mit einem oder zwei Kindern und elf Einzelpersonen, die als Knecht oder Magd auf den Höfen beschäftigt waren.

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