Drei Retzer Persönlichkeiten

Die Großgemeinde machte es erforderlich, dass mehr fach vorhandene Staßennamen umbenannt werden mussten. So entschied sich eine beauftragte Kommission, der auch die hiesigen Ratsherren Heinz Meier und Ernst Obermeier angehörten, Straßen nach Korl Biegemann, Albrecht Bicker und Wilhelm Blanke zu benennen. Sicherlich wollten die Verantwortlichen damit auch erreichen, dass deren Verdienste nicht in Vergessenheit geraten. Für den Chronisten Grund genug, aus ihren Leben zu berichten:

Korl BiegemannKORL BIEGEMANN
So nannte sich der lippische Mundartdichter Dr. med. Wilhelm UIrich Volkhausen, der am 6. Februar 1854 auf dem Amtsmeierhof Volkhausen geboren wurde. Einige hundert Meter oberhalb des Gutes hat der Lippische Heimatbund den Lieblingsplatz des Dichters, von wo aus er so manches Mal in seine geliebte Heimat geschaut hatte, zu einer kleinen Gedenkstätte ausgestaltet. Unter lichten Buchen liegen im Halbkreis acht Findlinge von Rhododendronbüschen eingefaßt. In den Gedenkstein, einen 1.20 Meter hohen Zeugen der Eiszeit, ist ein Vers aus dem Buch „Late Sommer" eingemeißelt.

„'t giwt man eun Volksen up 'er Eern"
Dr. Ulrich Volkhausen
(1854-1937)Darunter als schlichtes Ornament die lippische Rose. „Es gibt nur ein Volkhausen auf der Erde", Diesem Bekenntnis seines Herzens war Korl Biegemann bis an sein Lebensende treu geblieben. Drei Jahre besuchte Ulrich, das vierte Kind des Amtsmeiers, die Volksschule in Retzen. Von 1864 bis 1872 war der begabte Junge Schüler des Gymnasiums in Detmold. Er wollte einen akademischen Beruf ergreifen, weil sein älterer Bruder Gustav Philipp der Erbe des Gutes war. Nach dem Abitur folgte ein fünfjähriges Studium der Medizin. In Leipzig legte der erst 23jährige Student das medizinische Staatsexamen ab und promovierte zum Dr. med. Am ersten April 1878 ließ sich der junge Doktor Volkhausen in Schötmar als praktischer Arzt nieder. Hier führte er 26 Jahre lang das strapaziöse Leben eines Landarztes. Als seine Frau kurz nach der Geburt des zweiten Kindes starb, heiratete er wieder. Drei Mädchen und der Anerbe Philipp, den die älteren Retzer noch gut kannten, gingen aus den beiden Ehen hervor.

1904 musste Dr. Volkhausen wegen eines Asthmaleidens die Praxis aufgeben. Er zog nach Detmold, wo er die bereits in Schötmar ausgeübteTätigkeit eines Amtsarztes fortsetzte. 1914 ließ sich der 60jährige Arzt pensionieren.1902 erschien unter dem Pseudonym Korl Biegemann das erste Büchlein „Twisken Biege und Weern" (Zwischen Bega und Werre). Es enthielt 52 humorvolle Gedichte. Schon bald wusste man in ganz Lippe, wer hinter dem Korl Biegemann steckte. Es folgten zwei weitere - größere -Auflagen. 1920 gab Korl Biegemann einen Band mit plattdeutschen Redensarten heraus. 1923 erschien ein neuer Band „Late Sommer" mit sechs längeren Erzählungen in Gedichtform. 1925 wurde der dritte Band „Dat leste Blatt" verlegt. Eine Sammlung von 17 Schulgeschichten sind für uns Retzer besonders interessant. Die erste beginnt: „In Retzen soll Examen sün". Mit siebzig Jahren kehrte Korl Biegemann wieder nach Volkhausen zurück. Er war nach dem Tode seines Bruders 1903 der Erbe des Amtsmeierhofes geworden. Hier starb er am 14. Januar 1937. Das große Verdienst des Dichters liegt wohl darin, dass er den Lippern das schon damals aus der Mode gekommene Platt wieder näher brachte. Wenn auch heute nur in einigen plattdeutschen Vereinen sein Kulturgut gepflegt wird, so hat sein Werk in der Wissenschaft für die sprachliche Forschung einen besonders hohen Stellenwert.

Wilhelm BlankeWILHELM BLANKE
Die Gemeinde Retzen hat nur 47 Jahre bestanden. Bis 1922 gab es die Bauernschaft Retzen-Papenhausen. Eine Bauernschaft war aber nur die unterste Einheit der Landesverwaltung, eine Selbstverwaltung existierte auf dem Lande noch nicht. Und zum 1. Januar 1969 wurde Retzen im Zuge der kommunalen Neuordnung des Landes Nordrhein-Westfalen in die Großgemeinde Bad Salzuflen eingegliedert. In der Zeit der Selbständigkeit amtierten fünf Bürgermeister (bis 1935 Vorsteher genannt). Die größte Veränderung erfuhr Retzen unter Bürgermeister Wilhelm Blanke. Er wurde 1946 aufgrund der ersten Nachkriegswahl in sein Amt berufen.

Wilhelm Blanke wurde am 20. März 1903 in Grastrup auf der Kochheide geboren. Im Kreis von fünf Geschwistern erlebte er die Kindheit in dem vom Vater vor dem ersten Weltkrieg gebauten Haus im Poden (Papenhauser Str. 38). Nach dem Besuch der Retzer Schule erlernte er den Maurerberuf im nachbarlichen Betrieb Löhr. Die großen Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre in der ersten Amtsperiode Wilhelm Blankes wurden bereits erwähnt. Bezeichnend für die sparsame Einstellung des Bürgermeisters war, dass er zu der elf Kilometer entfernten Kreisverwaltung mit dem Fahrrad fuhr. Sein wichtigster Plan, mit der Nachbargemeinde Grastrup ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet aufzubauen, scheiterte. Das beflügelte ihn umso mehr, die Voraussetzungen für den zügigen Ausbau der Retzer Siedlung zu schaffen.
1950 gründete er zusammen mit Wilhelm Bobe und August Schormann die Baufirma Bobe & Co. Rückblickend muss man sagen, dass sich die Konstellation Bürgermeister - Bauunternehmer sehr positiv auf die schnelle Entwicklung Retzens ausgewirkt hat. Der Bürgermeister war gleichzeitig Schulverbandsvorsteher. Die wenigen markanten Worte, die er jährlich an die Entlassschüler richtete, spiegelten seine Grundhaltung wider: Selbstbewusst, zielstrebig und tatkräftig das Leben meistern.

Wenn Wilhelm Blanke von der Richtigkeit seiner Ansicht überzeugt war, konnte er kompromisslos sein, auch wenn ihm diese Haltung Antipathie bescherte. Dem Verfasser ist eine Situation in lebhafter Erinnerung, die für den vitalen Bürgermeister typisch war: Bei einem Hochwasser türmte sich vor der Rhienbachbrücke am Mehrfamilienhaus Unrat auf und verstopfte den Durchfluss. Wilhelm Blanke sprang, kaum dass er die Gefahr erkannte hatte, in den Bach und beseitigte - bis zur Brust im Wasser stehend - die Hindernisse. Die Retzer Siedlung war sein Lebenswerk. An einer Baustelle im Stubensiek ereilte ihn der Tod. Er verstarb am zweiten Februar 1960. Von der noch im Rohbau befindlichen Kirche wurde er unter großer Beteiligung der Retzer Bevölkerung zur letzten Ruhe geleitet.

Albrecht BickerALBRECHT BICKER
Der Hof Bicker zählt zu den ältesten Siedlungsstätten des nordwest-lippischen Raumes. Im Friedensverzeichnis des Kirchspiels Schötmar von 1385/86 wird „de Bicker" bescheinigt, daß er zwei Schild (Münzbezeichnung) für seinen Zaun und seinen Wagen bezahlt hat. („de Bicker tve Schilde vor seynen thun und waghen").

1910 übernahm Albrecht Bicker von seiner Mutter diesen Hof, den er kurz vorher weiter nördlich zur Papenhauser Straße neu aufgebaut hatte. Er wurde am 17. März 1875 geboren. Er besuchte die Retzer Schule, die Rektorschule in Schötmar und die Ackerbauschule in Herford. Seinen Stammhof leitete er über dreieinhalb Jahr zehnte. Wie schon erwähnt, kaufte er den Nachbarhof Beining, die Gesamtfläche betrug nun 97 Hektar.
Im Jahre 1911 heiratete Albrecht Bicker. Die jüngste der acht Töchter wurde Hoferbin. Nachdem sein Schwiegersohn, Ernst Obermeier, fast 40 Jahre den Hof bewirtschaftet hat, ist heute der Enkel Ernst Albrecht Obermeier der Besitzer. Albrecht Bicker war im Anfang unseres Jahrhunderts den zahlreichen Erfindungen und Neuerungen im Bereich der Landwirtschaft gegenüber sehr aufgeschlossen und baute einen modernen Hof auf. Er engagierte sich früh für die Elektrizitätsversorgung des Ortes. 1911 erhielt Retzen den Anschluss und wurde von Hoffmann's Stärkefabrik mit Strom versorgt. Aufgrund der reichen Erfahrungen und Kenntnisse wurde der selbstbewusste Landwirt nach dem ersten Weltkrieg in entscheidende Gremien seines Berufsstandes gewählt. Er war Vorstandsvorsitzender der Molkerei-Genossenschaft Schötmar, im Aufsichtsrat der Lippischen Hauptgenossenschaft und im Verwaltungsrat der Amtssparkasse Schötmar.
Albrecht Bicker gehörte dem Retzer Gemeinderat (früher Dorfausschuss) während der langjährigen Amtszeit des Bürgermeisters Burmeier an und war Schulverbandsvorsteher. Über den örtlichen Rahmen hinaus war er vor 1933 Abgeordneter im Lippischen Landtag und im Kreistag. Nach dem zweiten Weltkrieg ermöglichte er durch Landabtretung die Anlage eines Friedhofs.
Am 18. Januar 1955 starb Albrecht Bicker. Vielen älteren Retzer Bürgern ist er als eine Persönlichkeit in Erinnerung geblieben, die ein traditionsbewusstes, stolzes Bauerntum verkörperte.

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